REPORTAGE: Aston Martin - Power, Beauty & Glory

Aktualisiert: Okt 19

Ich war zu Gast in den Heiligen Hallen der Aston Martin Works des legendären britischen Luxussportwagenhersteller. Es sind zwei Hallen, jene im historischen Werk in Newport-Pagnell sowie das moderne Werk in Gaydon nördlich von London. Dazwischen schlängelte ich mich auf einer unvergesslichen und einzigartigen Spritztour vorbei an Silverstone durch Birmingham - mit einem DBS Superleggera Volante mit dezenten 725 PS.

Eine Augenweide: Aston Martin DBS Superleggera, AM DBS Superleggera Volante, AM Vantage und AM DB11 aufgereiht vor dem genialen Royal Berkshire Hotel nahe Windsor. (c) Dominic Fraser/Aston Martin

Keine Aston-Martin-Geschichte kommt ohne ihn aus. Bond, James Bond. Seit bald 60 Jahren rast der MI6-Agent mit den Autos der englischen Nobelmarke hinter Bösewichten her. 1964 fuhr Sean Connery in "Goldfinger" zum ersten Mal den legendären DB5.


Eines der Originalfahrzeuge aus dem Film hat Sotheby's im Vorjahr für 6,4 Millionen US-Dollar versteigert. Das renovierte Vintage-Meisterstück ist ausgestattet mit 13 Original-Gadgets wie Nebelgranaten, Schleudersitzen und kugelsicherer Heckscheibe. Ein Sehnsuchtsfahrzeug für freiheitsliebende Möchtegern-Agenten und von Aston Martin nach England egeladene Journalistinnen wie mich.

Leider wieder verschoben - der neue James Bond kommt erst im Frühjahr 2021: Hier ein Ausschnitt aus dem Blockbuster mit dem legendären DB5, den Daniel Craig fährt und der einmal mehr nicht heil davon kommt. (c) Aston Martin

Sean Connery in den schottischen Highlands. (c) Aston Martin

Mein Lieblings-Bond mit Daniel Craig und Judi Dench als "M" in "Skyfall" - einer der emotionalen Bondfilme. (c) Aston Martin

Beim Dreh: "No Time To Die" in Italien. (c) Aston Martin

Paradies für Vintage Fans

Neben beeindruckender wie moderner Technik, begeistert Aston Martin mit detailverliebter Handarbeit. Fasziniert beobachten wir in den Werkstätten der Heritage Works in Newport-Pagnell in Buckinghamshire, wie die Innen- und Außenteile eleganter Oldtimer wie DB2, DB5 oder Vantage restauriert, ihr Leder geflickt, Chassis liebevoll poliert und Motoren getunt werden.

Vintage ist in. Das weltberühmte Werk ist auf den Verkauf restaurierter Modelle und auf Services für Aston Martins aus aller Welt spezialisiert. Es sind die Fahrzeuge von Besitzern, die offiziell nicht genannt werden möchten, Politiker, Hollywoodschauspieler und saudische Scheichs, die hier runderneuert werden. Diskretion ist Teil der Trademark Aston Martin. 3.500 Fahrzeuge werden jährlich in Maß- und Handarbeit renoviert, die viele Monate dauern kann.

Die Produktion neuer Modelle in Newport-Pagnell wurde indessen 2007 mit dem Vanquish S eingestellt – 50 Jahre und 13.000 Fahrzeuge nach dem ersten DB4, den David Brown 1947 vom Band laufen ließ. DB sind die Initialen von David Brown, rund die Hälfte der 96.000 Aston Martins, die in 106 Jahren produziert wurden, heißen nach ihrem bekanntesten Eigentümer.

Seit 2017 wird nicht nur restauriert, sondern auch wieder produziert. So werden die Continuation Modelle in den Heritage Works gebaut. Aktuell steht ein wohlfeiles High-End-Modell für die große Geldbörse in der Box, an dem gleich fünf Arbeiter tüfteln und werken. Das Endprodukt wird ein originalgetreu nachgebauter DB4 GT Continuation Zagato aus den frühen 60ern sein. Anlässlich 100 Jahre Zagato ist der historische DB4 GT kombiniert mit einem neuwertigen DBS GT Zagato erhältlich. 19 Mal läuft das untrennbare Duo vom Band – für stolze 8,3 Millionen Euro.

Bild 1: Auf dem Weg ... Bild 2: Ready ... Anlässlich 100 Jahre Zagato ist der historische DB4 GT kombiniert mit einem neuwertigen DBS GT Zagato erhältlich - nur im Doppelpack und nur 19 Mal für wohlfeile 8 Millionen Euro. (c) Dominic Fraser/Aston Martin

In Newport-Pagnell sind alle Highlights des Aston Martin Erbes zu sehen - und seit einige Jahren werden hier die Lieblingsmodell vergangener Jahrzehnte restauriert. Sie kommen aus Hollywood, Übersee und von arabischen Ölprinzen und werden von höchst versierten MechanikerInnen flott und manchmal noch flotter gemacht.

Special Effects à la Aston Martin: Von Tierhäuten, Stickereien und Farbe

In den Heritage Works möchte ich einen Raum gar nicht mehr verlassen. Es ist die kleine Ledermanufaktur. Es riecht so herrlich intensiv, so rauchig-herb, leicht bockig, ein wenig schweißig. Ledergeruch hat so eine natürliche Erotik. Rund um uns stehen Nähmaschinen. Leder in vielfältige Arten und Farbvariationen ist großflächig ausgebreitet oder lehnt in Rollen sortiert an den Wänden. Auf gefertigten Ledersitzen stehen farblich und stylisch abgestimmte Reisetaschen.

Steve Waddingham, Senior Product Spezialist, erzählt von den berühmten Conolly Brothers, in deren Werk das typische Leder viele Jahre produziert wurde, das nicht nur die Sitze vieler Aston Martins verschönert, sondern auch jene des House of Commons & Lords. Das Geheimnis des Geruchs liegt in der Gerbung der rohen Tierhäute, verrät er, „Gerbstoffe, Rückfettungsmittel, Farbstoffe und Bindemittel erzeugen ein einzigartiges Odeur“.

Doch markante Gerüche sind heute out. Umso intensiver wirkt der Duft in dem weinroten, neu restaurierten DB5, in den wir später unsere Nase stecken dürfen. Das Leder wurde nach alter Art rein pflanzlich gegerbt und erzeugt dieses Gefühl von Heimeligkeit. Das Tüpfelchen auf dem i sind die eingestickten Muster auf den Sitzen. Umgesetzt werden die Stickereien von Maschinen, allerdings werden die Skizzen von Hand gezeichnet, „die Maschine würde zu exakt arbeiten, völlige Fehlerfreiheit gefällt dem menschlichen Auge nicht, es geht die Natürlichkeit verloren“, weiß Waddingham.

Hier wird überall Hand angelegt: so werden die gestanzten Löcher im Leder eigens am Computer von Menschenhand gezeichnet und dann im Leder verewigt, denn laut Studien gefällt dies dem menschlichen Auge besser als die absolute Perfektion einer rein maschinellen Umsetzung. (c) Dominic Fraser/Aston Martin

Die Technik folgt dem Design

Seit 2003 ist das Headquarter und die Produktion der Neuwagen in Gaydon in Warwickshire, 60 Autominuten von Newport-Pagnell entfernt. Ein Weg, den wir am nächsten Tag mit brandneuen Testfahrzeugen, einem DB11, zwei DBS Superleggera und einem Vantage, zurücklegen werden.

„Das Design und das Aerodynamic Team arbeiten bei Aston Martin eng zusammen“, erzählt Chief Engineer Matt Becker beim Abendessen. Die Autos sehen unterschiedlich aus, jedes hat seinen eigenen Charakter, und sie fühlen sich anders an, wenn man sie fährt. Das sei die Intention. „Der Vantage sieht aggressiver aus und fährt sich auch so“, detailliert Becker, „der DB11 sieht sanfter aus und fühlt sich auch so an. Der DBS hat die explosivste Motorleistung, aber vom Charakter liegt er zwischen den beiden anderen. Unsere Aufgabe ist es, dass der Wagen so fährt wie er aussieht“, lacht er.

Dabei will der „DBS das Auto für jeden Tag sein und soft wie eine Limousine gleiten“, informiert Chief Engineer Becker. Bei den neuen Fahrzeugen sei die Elektrik von Porsche, das Programming der Software, der CPU (Zentrale Steuereinheit) von Aston Martin, die Hardware steuert AMG bei, so Becker, der vor Aston Martin schon 25 Jahre bei Lotus Rennwagen gebaut hat.

Testfahrt in the middle of nowhere


An all das erinnere ich mich, als ich morgens die attraktive Cabrioversion Volante des DBS Superleggera in „Steel Grey“ wähle. Der Superleggera ist der Nachfolger des Vanquish. Tief unten rastet der Ledersitz ein, der weit mehr kann als auffällig aussehen. Startknopf drücken, zwischen den drei Modi GT, Sport und Sport plus wählen, aufs Gas steigen. Alles andere macht der Luxussportwagen gefühlt von alleine. Der Wind gleitet sanft übers Haar, der Motor des Supercars knurrt unter dem Arsch wie ein schwer zu zähmendes Biest. Aggressiv und gleichzeitig britisch elegant, immer mit dem klaren Statement, „komm, schau mich an“, bewegt sich der Superleggera. Ich fühle mich ähnlich zappelig wie der 380.000-Euro-Gran Turismo.

Nach der Autobahn wird es spitzfindig. Denn im Herzen von Shakespeares England führt der Weg nach Gaydon über superschmale, oft einspurige Landstraßen. Haarscharf vorbei an dichten Büschen, die üppig auf die abenteuerlich schlecht betonierte Straße hängen. Augen auf und durch. Dazwischen erheben sich gerade einmal 1,50 Meter breite, steile Steinbrückchen mit 90 Prozent Steigung. Und dann überrascht uns auch noch das englische Wetter, es regnet „cats and dogs“. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, beim Lenken einer wilden Bestie mit V12-Biturbo-Motor und 725 PS, die bei dezentem Streifen des Gaspedals in vier Sekunden von Null auf Hundert beschleunigt.

Beim kleinen, feinen (un ein wenig verbotenen) Miniabstecher auf die Rennstrecke von Silverstone entspanne ich mich wieder. Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch und fühle wie mich die Beschleunigung in den Sitz drückt und sich das exaltierte Ledermuster im Rücken abzeichnet. Einfach geil.

Love my baby for the day! (c) Dominic Fraser/Aston Martin

Trying out the best location!

Die englischen Straßen sind ein bisserl eng für den DBS Superleggera ...



Leider wirklich cool ... einmal voll aufs Gas steigen.

Von „Diavolo Red“ und „Morning Frost“

Einen sehr individuellen Touch erhält ein Aston Martin neben den Ledersitzen, der speziellen Polsterung, den individuell gestaltbaren Ziernähten, Cockpit Styling und Teppichen im Inneren, vor allem durch ein Merkmal, das ins Auge sticht: die Farbgebung des Chassis. Paul Spires, President der Aston Martin Works in Gaydon weiß mehr zum Thema. Die Namen für diese sind so klingend, wie die Farben leuchten: „Lime Essence“, „Diavolo Red“, „Ladies Powerblue“, „Morning Frost“ oder „Skywalk Grey“.

Ein Kunde mit dem nötigen Kleingeld kann seine Farbe sogar kaufen – sie bleibt damit einzigartig. „’Snowwhite Apple’ hat eine Dame ihr persönliches Rot getauft. Ein amerikanischer Fashion Designer wiederum wollte ein leuchtendes Gelb“ führt Spires aus. Das Highlight der Farbgebung aber sei ein Hologram mit metallisch schimmerndem Paisleymuster gewesen. Es bedeckte das Dach dieses Vantage, das nur bei strahlendem Sonnenschein sichtbar wurde.

Die hunderten Arbeitsstunden für Farbe und Politur, bis zu 24 Mal wird das Chassis lackiert, werden ohne Wimpernzucken von Kunden bezahlt. „Der Superleggera vor uns ist in ‚Kermit Green’ lackiert“, Paul Spires deutet geradeaus, am Weg durch die Aston Martin Works. Augenrollen der geladenen Journalisten. Froschgrün für einen hochklassigen Sportwagen, echt jetzt? 270 unterschiedliche Farbtöne zieren das Äußere der Aston Martins aus dem Jahr 2019. Aston Martin ist wirklich etwas für Individualisten. Erstbesitzer lassen auch gern ihre Unterschrift in die Karbonteile fräsen.

Im Inneren eines DB11, der gerade in die sogenannte „Marriage Area“ einläuft, wo Chassis und Motor zusammengesetzt werden, lesen wir auf der Innenseite des Rahmens ein Zitat: „Dreams come true“. Ich schließe schnell die Augen und richte leise einen Wunsch an den großen Autogott: Schnittig, sportlich, „Seablue Turquoise“ Paint, „Dark Knight“ Leather. Vielleicht habe ich Glück und mein Wunsch wird eines Tages wahr, so wie für den zukünftigen Besitzer dieses Wagens. Träumen darf man ja.

Nicht nur Aston Martin wurde 1947 von David Brown übernommen, sondern auch der eigenständige Sportwagenhersteller Lagonda. Brown legte die beiden Marken zusammen und brachte unter der Bezeichnung Lagonda viertürige Sportlimousinen heraus. Hier der Lagonda Rapide (1961–64).


Aston Martin – Von 1913 bis heute Die wechselhafte Historie von Aston Martin beginnt 1908 mit zwei Autoliebhabern: Robert Bamford und Lionel Martin. Nach der erste Phase gründen die beiden Bastler und Autonarren 1913 die Firma Bamford & Martin, trennen sich aber bereits 1920 wieder. Zuvor aber hatten sie beschlossen, unter dem Namen Aston Martin eigene Fahrzeuge zu konstruieren. Aston im Namen leitet sich vom Aston Clinton Hillclimb ab, einem Bergrennen, das Lionel Martin 1914 mit seinem selbstgebauten Auto gewonnen hatte.

Bei der geführten Tour durch das Headquarter in Gaydon erzählt Paul Spires: "Die treibende Kraft hinter der von Rennfahrern bald hochgeschätzten Marke war Kate Martin, die dritte Frau von Lionel Martin. Sehr tough und kreativ. Der Markenname, das Aston Martin Badge oder die typische Form des Kühlergrills gehen auf ihre Visionen zurück." Finanziert wurde die kostspielige Manufaktur aus dem Bergbaubetrieb der Familie Martin.


1926 und nach der Produktion von nur 61 Fahrzeugen schied Lionel Martin aus dem Unternehmen aus, es fanden sich neue Besitzer, ebenso nach dem Börsencrash 1929. Es folgen schwere Zeiten, während des Zweiten Weltkriegs werden in der Fabrik Flugzeugkomponenten anstelle von Autos produziert. 1947 übernimmt David Brown und eine neue Ära beginnt. Brown begründet das Werk in Newport Pagnell, ergänzt das Portfolio mit dem Unternehmen Lagonda, entwickelt zusammen mit dem legendären Konstrukteur William Owen Bentley einen neuen Sechszylindermotor und bringt den Spider Sport heraus. Der Wagen wird später umbenannt und erhält die Initialen von David Brown: DB1.Nahezu die Hälfte aller bis heute erbauten Aston Martins, rund 94.500 Fahrzeuge in 106 Jahren, tragen DB im Namen. Richtig erfolgreich läuft es nach 1958 mit dem DB4. "Damals wurden die ersten Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung gebaut. Die britische Wirtschaft zog an und die Swinging Sixties waren die perfekte Zeit für unsere Auto, für den Style und den Spaß am Autofahren", erzählt Spires.


Nach dem in Italien designten Superleggera kommt schließlich der legendäre DB5 auf den Markt: mit dieser genialen Schnauze, dem feinen Heck und dem einzigartigen Motor. Mit den ersten Auftritten in "Goldfinger" und "Thunderball" ändert sich alles. "Von einem Tag auf den anderen baute Aston Martin keine Autos mehr abseits der Öffentlichkeit für wenige reiche Engländer. Plötzlich bauten wir täglich zwölf DB5", so Spires.


Nach vielen erfolgreichen Jahren folgt Anfang der 70er-Jahre mit hohen Spritpreisen eine weitere Wirtschaftskrise. Hinzu kommen Tempolimits auf den Autobahnen. David Brown ist gezwungen, das Unternehmen zu einem symbolischen Preis von 100 Pfund an ein Investment-Konsortium zu verkaufen. Sieben Mal war Aston Martin seit der Gründung insolvent. 1987 steigt Ford ein, verkauft aber 2007 wieder. Zwei kuwaitische Investmentgruppen übernehmen. Heute hält eine italienische Investorengruppe die Aktienmehrheit an Aston Martin, seit 2014 ist Andy Palmer President & Group CEO. Chairwoman of the Board ist seit September 2018 Penny Hughes, sie begleitete im Oktober 2018 den Börsegang des Unternehmens. Hughes ist Autonärrin, studierte Chemikerin und eine erfahrene Businessfrau, die 30 Jahre lang Coca-Cola in UK und Irland managte. Nach einem vielversprechenden Neustart war das letzte Jahr wieder ein schwieriges für Aston Martin – mit Rückgang der Produktion, dem nahenden Brexit und einem damit verbundenen Absturz der Aktie.

Doch die Heritage Works in Newport Pagnell, dem Stammsitz, sind stark ausgelastet. Vintage-Fahrzeuge und deren Restauration sind gefragt. Ein weiterer Hoffnungsträger ist das erste Luxus-SUV mit der Seele eines Sportwagens von Aston Martin – der DBX wurde im November 2019 in Peking präsentiert. Für einen Aufmerksamkeitsschub sorgt garantiert auch der 25. James-Bond-Kinofilm "No Time To Die" im April 2021, wenn er denn endlich stattfindet. Die Limited Edition der DeLuxe-Variante des DBS Superleggera "designed by Daniel Craig", der im neuen Film von 007 gesteuert wird, ist für 700.007 Pfund bereits im Verkauf.

Im James-Bond-Film "Goldfinger" (1964), schon dem dritten mit Sean Connery in der Hauptrolle, fuhr Agent 007 einen Aston Martin DB5 wie diesen.


Erstveröffentlicht in Auto Touring: https://www.oeamtc.at/autotouring/auto/aston-martin-power-beauty-glory-36557506